Wie fein abgestimmt ist doch das Zusammenspiel unserer bewußten
mit der unwillkürlichen Muskulatur; des Zentralnervensystems mit den
vegetativen, autonomen Nerven. So bei unseren muskulären Hohlorganen
und deren Verschluß, insbesondere eben beim Schließmuskel der Harn
blase und seinem Lockerlassen. Bereits die Vorstellung genügt, und
schon ist das Schleusentor durchgängig. In frühester Jugend wird Zurückhaltung
geübt - Bettnässer tun sich da schwerer -, und bald wird die
Steuerung vom Unterbewußtsein übernommen, geregelt, kontrolliert;
eben wasserdicht. Tonus nennen wir den selbsttätigen mittleren
Spannungszustand, den man eben auch 'lassen' kann, lockern, lösen
kann.
Obwohl dieser seine Toleranzgrenze hat, läßt er schon mal 'mit
sich reden': Man denke an eine Wagner-Oper mit ihren überlangen
Akten. Und das nach dem Kaffee in der Pause ...
Nicht so bei anhaltender, bei Dauer-Überlastung. Blicken
wir auf die häufigste Grundlage einer Schwäche des Blasenschließmuskeis,
auf die relative Verstopfung oder Darmträgheit. Da wird dem Magen
dreimal täglich gehuldigt, Leckereien zwischendurch gar nicht
mitgerechnet; doch findet der Darm sehr oft nur einmal täglich
Entlastung, günstigenfalls. Dieses Sechs-Meter-Hohlrohr erlaubt
bedeutende 'Vorratshaltung'; man denke an den Blasebalg beim Schmied,
den Windkessel beim schottischen Dudelsackpfeifer. Das gelingt jedoch
nur zu Lasten der Nachbarorgane im engen Raum zwischen Rücken, Bauch
und Zwerchfell.
Obwohl das vielfach lange gut geht, ist doch kein Sphincter (so heißt
diese Ringmuskulatur) dem auf Dauer gewachsen, schon gar nicht bei
enger Kleidung. Kommt doch bei jedem Atemgang mit der Einatmung eine
zusätzliche Druckwelle auf die Bauchorgane hinzu.
Durch unbewußte Drosselung, Dämpfung der Atmung, wird aber auch
die Lungenfunktion beeinträchtigt, damit die Sauerstoffversorgung in
Herz und Hirn, im ganzen Körper. Zudem leisten Verdauungsschwäche
und Stoffwechseiträgheit nur unzureichende Verarbeitung auch der
besten Ernährung. So gelangen fremdartig gebliebene Stoffe und Kräfte
in Blut, Lymphe, Körpergrundflüssigkeit, damit in alle Systeme und
Zellen. Stauung, Verfüllung sind alltägliche Folgen. Je übergewichtiger,
um so nachteiliger für den ganzen Menschen; für alle seine Organe
und Funktionen, auch seine seelischen und geistigen, selbstredend auch
für Unterleib und Blase.
Es bringt daher wenig und allenfalls auf kurze Zeit, wenn nun an
dem kleinen Muskel und seiner Nachbarschaft mit Messer, Nadel, Faden,
Schere herumgeflickt wird wegen Erschlaffung, Uberdehnung.
"Senkung", wie man sagt. Die Betroffenen finden sich drein
und tragen, immer brav verschwiegen, wie am Anfang - wieder Windeln.
Auch Heilmittel - sie stammen allein aus der Natur - sind im Grunde
überfordert, solange ein solcher Mensch nicht saniert wird von
innen heraus nach Körper, Funktion, Seele und Geist; sanare heißt
ausheilen, genesen. Erster Schritt dazu: Auflösen innerer Spannungen
und Ängste, Rhythmisierung der persönlichen Müllabfuhr. Damit wird
ohnehin bereits vieles gebessert. Braucht man zudem arzneiliche
Nachhilfe, so werden dann die bewährten Mittel der Homöopathie
selten versagen; etwa Dulcamara, Hyoscyamus, Kal.phos., Rhus tox.,
Puls.; je nach Einzelfall, auch als Kombinationspräparate. Als Tee
verspricht Schachtelhalm viel.
Übungen des Beckenbodens bringen deutlich Besserung auch bei
Erschlaffung, Überdehnung, Senkung. Zweimal eine Minute täglich, das
geht ganz unauffällig im Sitzen. Drei Wochen lang glaubt man, es sei
'für die Katz', hernach merkt man den Gewinn.
Also 1.) 'alles zusammenziehen am Beckenboden', 3-5 mal
hintereinander.
2.) 'alles, aber ohne Gesäßmuskulatur': aha, das ist subtiler; fünfmal
3.) 'Blasenschluß extra': man studiert den Ansatz, indem man den
Harnstrahl unterbricht. Also Trennung der vorderen von der hinteren
Entleerung; fünfmal diese feine Spannung und Lösung der Blasenschließmuskulatur.
Der Tonus bleibt dann zunehmend dichter, die Grundspannung spielt sich
wieder ein, reicht wieder aus.
Am meisten bringt das sogenannte "Reibesitzbad der
Frau(1)". Also morgens auf Stuhlkante über großem Eimer
Kaltwasser sitzend, worin einer Zitrone frischer Saft. Rhythmisch
wiederholend mit Waschlappen die Scham äußerlich benetzen: feuchte Kühle,
nur leicht berührend. So gemächlich wiederholend auf zwanzig
Minuten. Die Aufmerksamkeit weilt beim Gedichtband in der linken Hand,
etwa Goethes FAUST oder was man "schon immer mal wollte";
spielendes Auswendiglernen ganz nebenbei. Die Frauen schwärmen von
Wohltat, Erwärmung und Frische im ganzen Menschen; "der Tag wird
ganz anders" als im seitherigen Trott.
Überblick:
Will der Harn sich verselbständigen, hilft Flickwerk nicht lange;
das bleibt Einsichtslosen vorbehalten. Stattdessen den Körper
verstehen, ihn ausheilen helfen:
a) Diät (heißt Lebensweise, dann auch Essen und Trinken), wie in
"Bewußte Ernährung"(2) geschildert. Bei Ganzheit und
Frische unserer Kost wird auch der Mensch und sein Körper wiederum
frisch und ganz in seinen Funktionen.
b) Spannung-Entspannung üben im Beckenboden; die Atem-Welle spüren,
wie sie als Lebenswoge bis zum 'Becken-Zwerckfell' hinunter
durchkommt.
c) Zwanzig Minuten früher zu Bett, dafür Sonnenaufgangs-Fest mit
kühler Feuchte, feuchter Kühle. Die Frierenden werden warm, die Kränkelnden
wieder gesund. Fachmann fragen, der erfahren darin.
d) Falls dann noch nötig, eines oder nacheinander mehrere der seit
Jahrtausenden bewährten Naturheilmittel in homöopathischer
Darreichung: mehrmals einen Tropfen, jeden 'auf der Zunge zergehen
lassen', so morgens und abends.
Lassen Sie sich echt überraschen: Der Mensch wird als ganzer
gestärkt und heiler, als er war, erst seinen Funktionen nach,
dann in seinen Organen.
Bei den so häufigen Harnwegentzündungen (Harnröhre, Blase,
Harnleiter, Nierenbecken; bitte nicht verwechseln, denn beides kommt
auch zugleich vor) ist das Vorgehen ähnlich, obschon mit etwas
anderen Naturheilmittein: Ausheilung noch prompter.
(1) siehe "Reformrundschau" 41: H.8, 1973 (Copie a. Anfr.
m. Rückporto)
(2) "BEWUSSTE ERNAHRUNG und gesundende Lebensführung",
Novalisverl., v.gl.Verf.