Blasenschluß

Dr. med. W.E. Loeckle, Frankfurt/Main


Viele von uns sind nicht immer "ganz dicht". Tendenz steigend, 'mit den Jahren' zunehmend, Damen bevorzugt. Doch selbst beim Arzt wird verschwiegen, wenn irgend möglich, daß gelegentlich 'ein bißchen feucht im Schritt'. So beim Niesen, Lachen, Husten; nicht auch beim Aufdrehen der Wasserleitung?, ja schon beim Denken daran?

Wie fein abgestimmt ist doch das Zusammenspiel unserer bewußten mit der unwillkürlichen Muskulatur; des Zentralnervensystems mit den vegetativen, autonomen Nerven. So bei unseren muskulären Hohlorganen und deren Verschluß, insbesondere eben beim Schließmuskel der Harn blase und seinem Lockerlassen. Bereits die Vorstellung genügt, und schon ist das Schleusentor durchgängig. In frühester Jugend wird Zurückhaltung geübt - Bettnässer tun sich da schwerer -, und bald wird die Steuerung vom Unterbewußtsein übernommen, geregelt, kontrolliert; eben wasserdicht. Tonus nennen wir den selbsttätigen mittleren Spannungszustand, den man eben auch 'lassen' kann, lockern, lösen kann.

Obwohl dieser seine Toleranzgrenze hat, läßt er schon mal 'mit sich reden': Man denke an eine Wagner-Oper mit ihren überlangen Akten. Und das nach dem Kaffee in der Pause ...

Nicht so bei anhaltender, bei Dauer-Überlastung. Blicken wir auf die häufigste Grundlage einer Schwäche des Blasenschließmuskeis, auf die relative Verstopfung oder Darmträgheit. Da wird dem Magen dreimal täglich gehuldigt, Leckereien zwischendurch gar nicht mitgerechnet; doch findet der Darm sehr oft nur einmal täglich Entlastung, günstigenfalls. Dieses Sechs-Meter-Hohlrohr erlaubt bedeutende 'Vorratshaltung'; man denke an den Blasebalg beim Schmied, den Windkessel beim schottischen Dudelsackpfeifer. Das gelingt jedoch nur zu Lasten der Nachbarorgane im engen Raum zwischen Rücken, Bauch und Zwerchfell.

Obwohl das vielfach lange gut geht, ist doch kein Sphincter (so heißt diese Ringmuskulatur) dem auf Dauer gewachsen, schon gar nicht bei enger Kleidung. Kommt doch bei jedem Atemgang mit der Einatmung eine zusätzliche Druckwelle auf die Bauchorgane hinzu.

Durch unbewußte Drosselung, Dämpfung der Atmung, wird aber auch die Lungenfunktion beeinträchtigt, damit die Sauerstoffversorgung in Herz und Hirn, im ganzen Körper. Zudem leisten Verdauungsschwäche und Stoffwechseiträgheit nur unzureichende Verarbeitung auch der besten Ernährung. So gelangen fremdartig gebliebene Stoffe und Kräfte in Blut, Lymphe, Körpergrundflüssigkeit, damit in alle Systeme und Zellen. Stauung, Verfüllung sind alltägliche Folgen. Je übergewichtiger, um so nachteiliger für den ganzen Menschen; für alle seine Organe und Funktionen, auch seine seelischen und geistigen, selbstredend auch für Unterleib und Blase.

Es bringt daher wenig und allenfalls auf kurze Zeit, wenn nun an dem kleinen Muskel und seiner Nachbarschaft mit Messer, Nadel, Faden, Schere herumgeflickt wird wegen Erschlaffung, Uberdehnung. "Senkung", wie man sagt. Die Betroffenen finden sich drein und tragen, immer brav verschwiegen, wie am Anfang - wieder Windeln.

Auch Heilmittel - sie stammen allein aus der Natur - sind im Grunde überfordert, solange ein solcher Mensch nicht saniert wird von innen heraus nach Körper, Funktion, Seele und Geist; sanare heißt ausheilen, genesen. Erster Schritt dazu: Auflösen innerer Spannungen und Ängste, Rhythmisierung der persönlichen Müllabfuhr. Damit wird ohnehin bereits vieles gebessert. Braucht man zudem arzneiliche Nachhilfe, so werden dann die bewährten Mittel der Homöopathie selten versagen; etwa Dulcamara, Hyoscyamus, Kal.phos., Rhus tox., Puls.; je nach Einzelfall, auch als Kombinationspräparate. Als Tee verspricht Schachtelhalm viel.

Übungen des Beckenbodens bringen deutlich Besserung auch bei Erschlaffung, Überdehnung, Senkung. Zweimal eine Minute täglich, das geht ganz unauffällig im Sitzen. Drei Wochen lang glaubt man, es sei 'für die Katz', hernach merkt man den Gewinn.

Also 1.) 'alles zusammenziehen am Beckenboden', 3-5 mal hintereinander.

2.) 'alles, aber ohne Gesäßmuskulatur': aha, das ist subtiler; fünfmal

3.) 'Blasenschluß extra': man studiert den Ansatz, indem man den Harnstrahl unterbricht. Also Trennung der vorderen von der hinteren Entleerung; fünfmal diese feine Spannung und Lösung der Blasenschließmuskulatur. Der Tonus bleibt dann zunehmend dichter, die Grundspannung spielt sich wieder ein, reicht wieder aus.

Am meisten bringt das sogenannte "Reibesitzbad der Frau(1)". Also morgens auf Stuhlkante über großem Eimer Kaltwasser sitzend, worin einer Zitrone frischer Saft. Rhythmisch wiederholend mit Waschlappen die Scham äußerlich benetzen: feuchte Kühle, nur leicht berührend. So gemächlich wiederholend auf zwanzig Minuten. Die Aufmerksamkeit weilt beim Gedichtband in der linken Hand, etwa Goethes FAUST oder was man "schon immer mal wollte"; spielendes Auswendiglernen ganz nebenbei. Die Frauen schwärmen von Wohltat, Erwärmung und Frische im ganzen Menschen; "der Tag wird ganz anders" als im seitherigen Trott.

Überblick:

Will der Harn sich verselbständigen, hilft Flickwerk nicht lange; das bleibt Einsichtslosen vorbehalten. Stattdessen den Körper verstehen, ihn ausheilen helfen:

a) Diät (heißt Lebensweise, dann auch Essen und Trinken), wie in "Bewußte Ernährung"(2) geschildert. Bei Ganzheit und Frische unserer Kost wird auch der Mensch und sein Körper wiederum frisch und ganz in seinen Funktionen.

b) Spannung-Entspannung üben im Beckenboden; die Atem-Welle spüren, wie sie als Lebenswoge bis zum 'Becken-Zwerckfell' hinunter durchkommt.

c) Zwanzig Minuten früher zu Bett, dafür Sonnenaufgangs-Fest mit kühler Feuchte, feuchter Kühle. Die Frierenden werden warm, die Kränkelnden wieder gesund. Fachmann fragen, der erfahren darin.

d) Falls dann noch nötig, eines oder nacheinander mehrere der seit Jahrtausenden bewährten Naturheilmittel in homöopathischer Darreichung: mehrmals einen Tropfen, jeden 'auf der Zunge zergehen lassen', so morgens und abends.

Lassen Sie sich echt überraschen: Der Mensch wird als ganzer gestärkt und heiler, als er war, erst seinen Funktionen nach, dann in seinen Organen.

Bei den so häufigen Harnwegentzündungen (Harnröhre, Blase, Harnleiter, Nierenbecken; bitte nicht verwechseln, denn beides kommt auch zugleich vor) ist das Vorgehen ähnlich, obschon mit etwas anderen Naturheilmittein: Ausheilung noch prompter.

(1) siehe "Reformrundschau" 41: H.8, 1973 (Copie a. Anfr. m. Rückporto)

(2) "BEWUSSTE ERNAHRUNG und gesundende Lebensführung", Novalisverl., v.gl.Verf.

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