Anders in Großbritannien und den USA: In England besteht schon
seit den siebziger Jahren die "Myalgic Encephalomyelitis (ME)
Association". Sie betreut Menschen, die an chronischer Müdigkeit,
begleitet von Muskelschmerzen und Depressionen, leiden. Für die zunächst
vermuteten chronischen Entzündungen von Nervenzellen, u.a. im Rückenmark,
als Ursache der ME, fand sich allerdings keine Bestätigung.
Immerhin spricht das beobachtete epidemische Auftreten (regional
und zeitlich gehäuft: Iceland-, Royal Infirmary-, Lake-Tahoe-disease)
ebenso für eine (Virus-) Infektion wie die Ähnlichkeit der Symptome
mit einer Mononukleose oder einer Grippe. In anderen Ländern (auch
der Bundesrepublik) wurden bisher keine derartigen Epidemien
beobachtet, sondern lediglich in den USA und Großbritannien.
Aufgrund der besonderen Häufung bei jüngeren Erwachsenen in
Managerpositionen wurde diese neuartige Erkrankung in den USA als
Yuppie-Krankheit bezeichnet. Nach wie vor bestehen Zweifel an der
Bedeutung dieses Krankheitsbildes, denn jede dritte Frau bzw. jeder fünfte
Mann berichtet inzwischen über ständige Müdigkeitsgefühle, mit
unterschiedlichem persönlichen Leidensdruck. Die Grenzen zwischen
persönlicher Mißempfindung und Krankheit sind da fließend, damit
ist eine exakte Diagnose schwierig. In solchen Grenzbereichen bewegen
sich gerne und leichtfüßig auch schnelle Diagnostiker und
Wunderheiler. Allerdings ist noch keine überzeugende Therapie bestätigt
worden. Bisher wurde lediglich (vom amerikanischen Center of Disease
Control) eine Definition des Krankheitsbildes festgelegt: Das
chronische Müdigkeitssyndrom (CFS = Chronic fatigue syndrome) wird
abgegrenzt von der "normalen Müdigkeit" mit der
Feststellung
- eines konkreten Erkrankungszeitpunktes,
- eines Bestehens über mehr als 6 Monate,
- eines Absinkens der Leistungskraft, der geistigen Fähigkeiten
und des körperlichen Befindens auf weniger als die Hälfte der
bisherigen Kräfte.
Dazu können Symptome kommen wie Schlafstörungen, Gelenkschmerzen,
Benommenheit, Kopfdruck, Lymphknotenschwellungen, Depressionen, nächtliche
Schweißausbrüche usw. Diese Beschwerden sind unspezifisch insofern,
als sie auch bei vielen anderen Erkrankungen, insbesondere bei
Infektionen, auftreten.
Die typischen epidemieartigen Ausbrüche des chronischen Müdigkeitssyndroms
sind bisher, wie erwähnt, in den deutschsprachigen Ländern nicht
beobachtet bzw. beschrieben worden. Hier kam es nach Fernsehsendungen
bzw. Zeitschriftenartikeln, die über die angloamerikanischen
Beobachtungen referierten, eher zur Eigendiagnose des CFS von
Patienten, die sich von den beschriebenen Symptomen betroffen fühlten.
Gefördert wurden die Publikationen von einzelnen Ärzten, die
berichteten, mit Fragebögen (60 Fragen zu Ernährungsgewohnheiten,
Befinden, Krankheiten, Arbeitsbelastung), mit Immunprofilen (erstellt
von "spezialisierten Laborärzten") sowie mit Tomographien
und mit Nervenleitfähigkeitsmessungen ein krankhaftes Müdigkeitssyndrom
diagnostizieren zu können.
Allerdings ist der Bestand an konkretem Wissen über die Ursache,
die Abläufe und die Behandlung dieser Krankheit doch geringer als der
Apparateeinsatz vermuten läßt.
Reine Spekulation ist die Hochrechnung aus der amerikanischen Prävalenz
(Krankheitshäufigkeit) des CFS von 1,5% auf "mindestens 1,5
Millionen" Betroffene in der Bundesrepublik Deutschland. Ebenso
spekulativ sind die vorgebrachten Hypothesen zur Krankheitsentstehung
als Folge eines "durcheinandergebrachten" Immunsystems etwa
durch Umweltbelastungen und die Therapie mit eingreifenden (und sehr
teuren) Immuntherapeutika wie z.B. den Interferonen.
Meines Erachtens wird da einiges an modernen Forschungsergebnissen
durcheinander gebracht. Durcheinandergebracht werden auch Patienten,
die nach einschlägigen Sendungen oder Berichten fürchten müssen,
ihr Heil hinge von Interferon-Infusionen ab. Tatsächlich sind die
kostspieligen Therapiemaßnahmen bisher einen auch nur annähernd überzeugenden
Nachweis ihrer Wirksamkeit schuldig geblieben. Überzeugender sind die
Berichte aus den angelsächsischen Ländern über hohe
Spontanheilungsquoten des CFS nach 6-12 Monaten.
Besonders auffällig scheint mir die heftige Ablehnung von
psychosomatischen Störungen als mögliche Ursache des chronischen Müdigkeitssyndroms
durch die hiesigen Experten, denn die engen Beziehungen zwischen
Immunsystem und seelischem Befinden bzw. der Lebenseinstellung sind
inzwischen fundiert nachgewiesen worden. Mit der
einseitig-materialistischen Abschiebung von Krankheitsursachen auf körperliche
äußerliche Faktoren, vor allem auf Umweltgifte und die Aktivierung
"schlafender" Viren (wie behauptet wird), entsteht aber für
die Betroffenen ein schiefes - und bedrohliches - Bild. Zweifellos
werden sie dieses Bild zunächst lieber akzeptieren, weil es ihnen die
Selbstverantwortung (bzw. Mitverantwortung) für ihr Leiden nimmt.
Allerdings wird ihnen damit auch die Möglichkeit der Selbsthilfe
weggenommen.
Nach meiner eigenen Erfahrung traten krankhafte, quälende Müdigkeitsreaktionen
bei Patienten auf, die schon vorher an psychischen Beeinträchtigungen
und gestörter Lebensordnung gelitten hatten. Wenn sie zur eigenen
Mitarbeit an ihrer Heilung bereit waren, damit auch zur konkreten Veränderung
ihrer Lebensbedingungen und (An-)Forderungen (das war in meiner Praxis
bis auf eine einzige Patientin der Fall), konnte die krankhafte Müdigkeit
bisher mit einfachen, natürlichen Mitteln zum Abklingen gebracht
werden.
Sicherlich sind diese Müdigkeitsreaktionen nicht mit dem
angloamerikanischen CFS gleichzusetzen (doch scheinen die hiesigen
Experten gerade dies zu tun). Man sollte gerade bei diesem neuen
Krankheitsbild auf eine sorgfältige, ideologiefreie Zuordnung achten,
um nicht eine Modekrankheit mit diagnostischen und therapeutischen
Sackgassen zu schaffen. Das Auftreten des CFS (in den USA bzw. Großbritannien)
besonders bei jungen, überdurchschnittlich aktiven, beruflich
angespannten Menschen zeigt das Mitwirken einer persönlichen
Komponente bei der Entstehung dieses Syndroms.
Auf das Persönliche, Individuelle sollte nach meiner Auffassung
bei der Diagnostik und Therapie des chronischen Müdigkeitssyndroms
besonders geachtet werden, gerade weil Beziehungen zwischen
Lebenseinstellung und Immunsystem bestehen. Das Immunsystem dient der
Abgrenzung und der Erhaltung des Individuums. Individuelle Störungen
des Gleichgewichtes zwischen Abgrenzung und Öffnung der Persönlichkeit
wirken auf das Immunsystem zurück, stören Gleichgewichte (z.B.
zwischen Helfer- und Suppressorzellen im lymphatischen System) und
wirken so krankheitsbegünstigend auch im körperlichen Bereich, vor
allem dann, wenn äußerliche Faktoren dazukommen.
In dieser Weise würde ich selber, aufgrund des derzeitigen
Kenntnisstandes, die Entstehung des Müdigkeitssyndroms deuten.
Dementsprechend sollte die Therapie bilateral (ganzheitlich)
erfolgen:
einerseits als individuelle Ordnungstherapie, wobei nach
Lebensziel, Sinn und vor allem nach Wegen aus der Entfremdung von
ursprünglich natürlichen Lebensmustern gefragt bzw. gesucht werden
muß, und andererseits als Immunmodulation.
Für die Diagnose und eine differenzierte immunmulierende Therapie
ist mir die Bestimmung der Lymphozytensubpopulationen in den letzten
Jahren sehr hilfreich und wichtig geworden. Diese aufwendige und
deshalb leider auch kostspielige Bestimmung wird von Laborärzten
durchgeführt. Aufgrund des Kostenproblems im Gesundheitswesen muß
diese Bestimmung gezielt und differeinziert eingesetzt werden.
Nach meiner bisherigen Erfahrung spricht übrigens in den meisten Fällen
chronischer Müdigkeit die Therapie mit Bädern (Rosmarin- und Sole-Bädern
zu Umstimmung) kombiniert mit hochwertigen Johanniskrautpräparaten
(z.B. Frischpflanzensaft) und sibirischem Ginseng, (Eleutherokokkus
senticosus) - im Reformhaus als konzentrierter Extrakt in Kapselform
erhältlich - gut an.
Die Symptome des chronischen Müdigkeitssyndroms sollten auch als
Warnzeichen für die (Fehl-)Entwicklung unserer Gesellschaft gedeutet
werden, denn der permanente Wettbewerb, das Konkurrieren, die Jagd
nach dem eigenen Vorteil kann nicht ohne Folge für das Seelenleben
und die Körperfunktionen, hier vor allem auf Gleichgewichtsstörungen
des Immunsystems, bleiben. Wenn die Warnzeichen mißachtet werden,
wenn die Entfremdung von der Natur noch weiter voranschreitet - das
Leben gegen die Natur -, dann bleibt dem Organismus nur noch die
Verweigerung als letzte Reaktion. So weit sollten wir es nicht mehr
kommen lassen. Wir können eben auf Dauer weder die Umwelt noch uns
selber überfordern.