Chronisches Müdigkeitssyndrom - Virusinfektion, Umweltkrankheit oder psychosomatische Störung?

Dr. med. Klaus Mohr


Immer mehr Patienten klagen über quälende Antriebs- und Leistungsstörungen durch lähmende Müdigkeit und Erschöpfung. Derartige Symptome sind allerdings subjektiv, das heißt: sie resultieren aus dem persönlichen Erleben - und sind mit Apparaten schwer meßbar. Hierzulande werden diese Beschwerden bisher eher als Überforderungsfolge oder als neurotisch gedeutet.

Anders in Großbritannien und den USA: In England besteht schon seit den siebziger Jahren die "Myalgic Encephalomyelitis (ME) Association". Sie betreut Menschen, die an chronischer Müdigkeit, begleitet von Muskelschmerzen und Depressionen, leiden. Für die zunächst vermuteten chronischen Entzündungen von Nervenzellen, u.a. im Rückenmark, als Ursache der ME, fand sich allerdings keine Bestätigung.

Immerhin spricht das beobachtete epidemische Auftreten (regional und zeitlich gehäuft: Iceland-, Royal Infirmary-, Lake-Tahoe-disease) ebenso für eine (Virus-) Infektion wie die Ähnlichkeit der Symptome mit einer Mononukleose oder einer Grippe. In anderen Ländern (auch der Bundesrepublik) wurden bisher keine derartigen Epidemien beobachtet, sondern lediglich in den USA und Großbritannien.

Aufgrund der besonderen Häufung bei jüngeren Erwachsenen in Managerpositionen wurde diese neuartige Erkrankung in den USA als Yuppie-Krankheit bezeichnet. Nach wie vor bestehen Zweifel an der Bedeutung dieses Krankheitsbildes, denn jede dritte Frau bzw. jeder fünfte Mann berichtet inzwischen über ständige Müdigkeitsgefühle, mit unterschiedlichem persönlichen Leidensdruck. Die Grenzen zwischen persönlicher Mißempfindung und Krankheit sind da fließend, damit ist eine exakte Diagnose schwierig. In solchen Grenzbereichen bewegen sich gerne und leichtfüßig auch schnelle Diagnostiker und Wunderheiler. Allerdings ist noch keine überzeugende Therapie bestätigt worden. Bisher wurde lediglich (vom amerikanischen Center of Disease Control) eine Definition des Krankheitsbildes festgelegt: Das chronische Müdigkeitssyndrom (CFS = Chronic fatigue syndrome) wird abgegrenzt von der "normalen Müdigkeit" mit der Feststellung

  • eines konkreten Erkrankungszeitpunktes,
  • eines Bestehens über mehr als 6 Monate,
  • eines Absinkens der Leistungskraft, der geistigen Fähigkeiten und des körperlichen Befindens auf weniger als die Hälfte der bisherigen Kräfte.

Dazu können Symptome kommen wie Schlafstörungen, Gelenkschmerzen, Benommenheit, Kopfdruck, Lymphknotenschwellungen, Depressionen, nächtliche Schweißausbrüche usw. Diese Beschwerden sind unspezifisch insofern, als sie auch bei vielen anderen Erkrankungen, insbesondere bei Infektionen, auftreten.

Die typischen epidemieartigen Ausbrüche des chronischen Müdigkeitssyndroms sind bisher, wie erwähnt, in den deutschsprachigen Ländern nicht beobachtet bzw. beschrieben worden. Hier kam es nach Fernsehsendungen bzw. Zeitschriftenartikeln, die über die angloamerikanischen Beobachtungen referierten, eher zur Eigendiagnose des CFS von Patienten, die sich von den beschriebenen Symptomen betroffen fühlten. Gefördert wurden die Publikationen von einzelnen Ärzten, die berichteten, mit Fragebögen (60 Fragen zu Ernährungsgewohnheiten, Befinden, Krankheiten, Arbeitsbelastung), mit Immunprofilen (erstellt von "spezialisierten Laborärzten") sowie mit Tomographien und mit Nervenleitfähigkeitsmessungen ein krankhaftes Müdigkeitssyndrom diagnostizieren zu können.

Allerdings ist der Bestand an konkretem Wissen über die Ursache, die Abläufe und die Behandlung dieser Krankheit doch geringer als der Apparateeinsatz vermuten läßt.

Reine Spekulation ist die Hochrechnung aus der amerikanischen Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) des CFS von 1,5% auf "mindestens 1,5 Millionen" Betroffene in der Bundesrepublik Deutschland. Ebenso spekulativ sind die vorgebrachten Hypothesen zur Krankheitsentstehung als Folge eines "durcheinandergebrachten" Immunsystems etwa durch Umweltbelastungen und die Therapie mit eingreifenden (und sehr teuren) Immuntherapeutika wie z.B. den Interferonen.

Meines Erachtens wird da einiges an modernen Forschungsergebnissen durcheinander gebracht. Durcheinandergebracht werden auch Patienten, die nach einschlägigen Sendungen oder Berichten fürchten müssen, ihr Heil hinge von Interferon-Infusionen ab. Tatsächlich sind die kostspieligen Therapiemaßnahmen bisher einen auch nur annähernd überzeugenden Nachweis ihrer Wirksamkeit schuldig geblieben. Überzeugender sind die Berichte aus den angelsächsischen Ländern über hohe Spontanheilungsquoten des CFS nach 6-12 Monaten.

Besonders auffällig scheint mir die heftige Ablehnung von psychosomatischen Störungen als mögliche Ursache des chronischen Müdigkeitssyndroms durch die hiesigen Experten, denn die engen Beziehungen zwischen Immunsystem und seelischem Befinden bzw. der Lebenseinstellung sind inzwischen fundiert nachgewiesen worden. Mit der einseitig-materialistischen Abschiebung von Krankheitsursachen auf körperliche äußerliche Faktoren, vor allem auf Umweltgifte und die Aktivierung "schlafender" Viren (wie behauptet wird), entsteht aber für die Betroffenen ein schiefes - und bedrohliches - Bild. Zweifellos werden sie dieses Bild zunächst lieber akzeptieren, weil es ihnen die Selbstverantwortung (bzw. Mitverantwortung) für ihr Leiden nimmt. Allerdings wird ihnen damit auch die Möglichkeit der Selbsthilfe weggenommen.

Nach meiner eigenen Erfahrung traten krankhafte, quälende Müdigkeitsreaktionen bei Patienten auf, die schon vorher an psychischen Beeinträchtigungen und gestörter Lebensordnung gelitten hatten. Wenn sie zur eigenen Mitarbeit an ihrer Heilung bereit waren, damit auch zur konkreten Veränderung ihrer Lebensbedingungen und (An-)Forderungen (das war in meiner Praxis bis auf eine einzige Patientin der Fall), konnte die krankhafte Müdigkeit bisher mit einfachen, natürlichen Mitteln zum Abklingen gebracht werden.

Sicherlich sind diese Müdigkeitsreaktionen nicht mit dem angloamerikanischen CFS gleichzusetzen (doch scheinen die hiesigen Experten gerade dies zu tun). Man sollte gerade bei diesem neuen Krankheitsbild auf eine sorgfältige, ideologiefreie Zuordnung achten, um nicht eine Modekrankheit mit diagnostischen und therapeutischen Sackgassen zu schaffen. Das Auftreten des CFS (in den USA bzw. Großbritannien) besonders bei jungen, überdurchschnittlich aktiven, beruflich angespannten Menschen zeigt das Mitwirken einer persönlichen Komponente bei der Entstehung dieses Syndroms.

Auf das Persönliche, Individuelle sollte nach meiner Auffassung bei der Diagnostik und Therapie des chronischen Müdigkeitssyndroms besonders geachtet werden, gerade weil Beziehungen zwischen Lebenseinstellung und Immunsystem bestehen. Das Immunsystem dient der Abgrenzung und der Erhaltung des Individuums. Individuelle Störungen des Gleichgewichtes zwischen Abgrenzung und Öffnung der Persönlichkeit wirken auf das Immunsystem zurück, stören Gleichgewichte (z.B. zwischen Helfer- und Suppressorzellen im lymphatischen System) und wirken so krankheitsbegünstigend auch im körperlichen Bereich, vor allem dann, wenn äußerliche Faktoren dazukommen.

In dieser Weise würde ich selber, aufgrund des derzeitigen Kenntnisstandes, die Entstehung des Müdigkeitssyndroms deuten.

Dementsprechend sollte die Therapie bilateral (ganzheitlich) erfolgen:

einerseits als individuelle Ordnungstherapie, wobei nach Lebensziel, Sinn und vor allem nach Wegen aus der Entfremdung von ursprünglich natürlichen Lebensmustern gefragt bzw. gesucht werden muß, und andererseits als Immunmodulation.

Für die Diagnose und eine differenzierte immunmulierende Therapie ist mir die Bestimmung der Lymphozytensubpopulationen in den letzten Jahren sehr hilfreich und wichtig geworden. Diese aufwendige und deshalb leider auch kostspielige Bestimmung wird von Laborärzten durchgeführt. Aufgrund des Kostenproblems im Gesundheitswesen muß diese Bestimmung gezielt und differeinziert eingesetzt werden.

Nach meiner bisherigen Erfahrung spricht übrigens in den meisten Fällen chronischer Müdigkeit die Therapie mit Bädern (Rosmarin- und Sole-Bädern zu Umstimmung) kombiniert mit hochwertigen Johanniskrautpräparaten (z.B. Frischpflanzensaft) und sibirischem Ginseng, (Eleutherokokkus senticosus) - im Reformhaus als konzentrierter Extrakt in Kapselform erhältlich - gut an.

Die Symptome des chronischen Müdigkeitssyndroms sollten auch als Warnzeichen für die (Fehl-)Entwicklung unserer Gesellschaft gedeutet werden, denn der permanente Wettbewerb, das Konkurrieren, die Jagd nach dem eigenen Vorteil kann nicht ohne Folge für das Seelenleben und die Körperfunktionen, hier vor allem auf Gleichgewichtsstörungen des Immunsystems, bleiben. Wenn die Warnzeichen mißachtet werden, wenn die Entfremdung von der Natur noch weiter voranschreitet - das Leben gegen die Natur -, dann bleibt dem Organismus nur noch die Verweigerung als letzte Reaktion. So weit sollten wir es nicht mehr kommen lassen. Wir können eben auf Dauer weder die Umwelt noch uns selber überfordern.

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