Das Syndrom der multiplen chemischen Sensitivität

Dr. med. Klaus Mohr


Innerhalb von ein bis zwei Generationen sind wir im Alltag mit einer Vielzahl neuer, d.h. natur- und körperfremder chemischer Verbindungen konfrontiert worden. Über deren kurzfristige Wirkungen auf den menschlichen Körper besitzen wir schon zahlreiche Detailinformationen. Die längerfristigen Auswirkungen sind jedoch nicht sehr sicher zu beurteilen. Noch mehr wissenschaftliche Unsicherheit besteht über die Kombination und Wechselwirkung verschiedener Chemikalien auf den Organismus. Hier ist der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Dementsprechend schwanken die Einschätzungen je nach politischer bzw. beruflicher und wirtschaftlicher Interessenlage - zwischen ziemlich harmlos und äußerst bedrohlich. Auch die Einschätzungen hochspezialisierter Experten sind oft deutlich voneinander abweichend. Obwohl ihnen ernsthaftes Bemühen mit sorgfältigen Bewertungsversuchen keinesfalls abzusprechen ist, neigen viele Spezialisten aufgrund ihrer Verbindung zum äußeren Fortschritt mehrheitlich dahin, dessen schädliche Konsequenzen als eher gering oder tolerierbar einzuschätzen.

In unserer Gesellschaft, die auf materiellen, technischen und synthetischen Fortschritt programmiert ist, sind die fortschrittsgläubigen Experten in der Mehrheit. Sie verfügen über Schlüsselpositionen und damit auch über die Macht, ihre Einstellung durchzusetzen. Tatsächlich wird diese Einstellung vorläufig von ihren realen Erfolgen bestätigt. Allerdings sind die Erfahrungen mit der lawinenartigen Beschleunigung des Fortschritts erst wenige Jahrzehnte alt, umfassen also knapp eine Menschengeneration (siehe Kasten).

Skeptische Einschätzungen gegenüber diesem rasanten Fortschritt, dessen letztgültige Konsequenzen noch keineswegs bekannt sein können, werden bisher von einer Minderheit der Experten geäußert - und von kaum einem höherrangigen Politiker. Die Spielregeln unserer Demokratie bewirken dabei, daß der Wille der Mehrheit dominiert - und die Marschrichtung der Gesellschaft bestimmt. Diese Richtung ist vorgezeichnet von wirtschaftlichen Interessen: der Geldvermehrung, der Produktions- und Konsumausweitung.

  • Häufig genannte Symptome bei Verdacht auf Syndrom der multiplen chemischen Sensitivität: Leistungsknick in Beruf und Freizeit
  • schnelle Ermüdbarkeit
  • vermehrtes Müdigkeitsgefühl
  • schwankende Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Verwechseln von Worten und Silben beim Sprechen
  • Ungeschicklichkeit bei Bewegungen, insbesondere der Handfunktionen (Fallenlassen, Zittrigkeit)
  • mäßiges Druckgefühl im Kopf (Ringgefühl)
  • Störungen der Magen-Darm-Peristaltik
  • unbestimmter Schmerz und Schweregefühl in Muskeln und Knochenansätzen (wie nach schwerer Arbeit), Spannungsgefühl
  • gesteigerter Speichelfluß
  • unangemessenes Schwitzen
  • Schlafstörungen
  • Erschöpfungsgefühl beim Aufwachen
  • Schwellungen im Gesicht, insbesondere im Augenbereich

Beachten Sie bitte: Alle diese Symptome können auch Ausdruck einer anderen körperlichen oder seelischen Erkrankung sein, insbesondere einer Depression. Daher ist immer eine weitergehende Untersuchung angezeigt: großes Blutbild, Blutsenkung, CRP, Kreatinin, Leberwerte, Schilddrüsenfunktion, Elektrolyte, Lues- und Borreliose-Serologie, Serumspiegel von Vitamin B12 und Folsäure (evtl. auch eine Hirn-CT und Röntgenuntersuchung der Thoraxorgane).

Insofern beruht der Verdacht auf ein MCS auf sorgfältiger Ausschlußdiagnostik möglicher anderer körperlicher Erkrankungen - oder auch einer Depression.

Diese Richtung wird von einer Mehrheit auch der breiten Bevölkerungsschichten mittels Wahlvotum und Konsumentscheidung mitbestimmt. Allerdings führt diese Marschrichtung zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. Die ersten Warnzeichen der drohenden Katastrophe sind bereits erkennbar: an den Krankheiten aus der veränderten Umwelt. bezeichnenderweise leidet zunächst das Immun- und das Nervensystem besonders empfindlicher (sensibler) Menschen an den technischen bzw. chemischen Veränderungen der Umwelt. Viele Pflanzen und Tiere sind bereits zugrunde gegangen - ohne sonderliche Beachtung oder gar Mitleid. Nun sind auch die Menschen an der Reihe. Noch sind die Warnzeichen leise, nur bei eingehender Beobachtung erkennbar. Die Medizin unternimmt übermenschliche Anstrengungen zur Bewältigung. Längst ist unser Gesundheitswesen im Grunde konkursreif.

Doch die konventionelle Medizin kann nicht heilen, was die Gesellschaft fortlaufend verschuldet.

Das Syndrom der multiplen chemischen Sensitivität ist nur vor dem eingangs dargestellten Hintergrund richtig zu verstehen. Noch gilt dieses Syndrom als eine Art (bisher seltener) Modekrankheit, als Problem einer - womöglich neurotischen - Minderheit, die mit dem modernen Fortschritt nicht zurechtkommt. Das Abschieben von Krankheitssymptomen, die mit konventioneller Methodik nicht erkannt und behandelt werden können, auf das psychosomatische bzw. neurotische (Abstell-)Gleis ist nicht ganz selten anzutreffen. In manchen Fällen geschieht den Betroffenen dadurch zusätzliches Unrecht. Mit dem richtigen Mittel kann ihnen aber oft einfach geholfen werden. Allerdings darf aufgrund dieser Dinge keinesfalls die wissenschaftliche konventionelle Medizin verachtet und an deren Stelle Tür und Tor für spekulative Maßnahmen geöffnet werden. Notwendig ist eine sorgfältige und fundierte Erweiterung aufgrund aktueller Einsichten.

Die multiple chemische Sensitivität (MCS) ist definiert als gewöhnlich immunochemische Veränderung des Organismus durch chronische oder akute Einwirkung von Chemikalien mit der Folge stärkerer Reaktionen bei weiterer Einwirkung auch von niedrigeren Chemikalienmengen. Diese Definition basiert auf den umweltmedizinischen Arbeiten von Prof. Dr. William Rea, Direktor des Environmental Health Centre in Dallas (Texas, USA). Wegen der späteren Auslösung durch kleinste Chemikalienkonzentrationen wird die MCS manchmal als eine Art von Allergie betrachtet. Das ist nicht korrekt, vielmehr liegt nach Reas Theorie ein Erschöpfungszustand vor: eine Erschöpfung köpersubstanz schützender reduzierender Systeme unseres Organismus.

Denn der Hagel oxidativer bzw. radikaleninduzierender Chemikalien aus der unnatürlich belasteten Umwelt führt zur Erschöpfung unserer gesundheitserhaltenden Strukturen, insbesondere des Immunsystems. Wechselseitig verstärkt wird diese Erschöpfung noch durch die seelische Zerrüttung in der modernen, naturentfremdeten Lebensweise. Daher ist ein psychosomatischer Zusammenhang keinesfalls abzuweisen. Allerdings ist dies eher ein gesamtgesellschaftlich neurotisches Problem als ein individuelles. Je mehr ein Individuum mit der Problematik des Haben- und Konsumierenwollens der Gesellschaft infiziert ist, um so größer ist die Anfälligkeit. Um so größer ist übrigens auch gewöhnlich die Besorgtheit. Hier besteht durchaus ein Bezug zur neurotischen Einstellung. Tatsächlich fand ein interdisziplinäres Forschungsteam bei den Patienten einer umweltmedizinischen Sprechstunde zu 66 Prozent eine Diagnose aus dem neurotischen bzw. psychiatrischen Bereich. Dieser Diagnosenanteil liegt erheblich höher als in der Gesamtbevölkerung (ca. 25 Prozent). Allerdings darf man daraus noch nicht den Schluß ziehen, der auffällig hohe neurotische Anteil sei die alleinige Ursache der Beschwerden und Symptome bei den Patienten dieser Ambulanz. Denn die neurotische Problematik könnte auch die Folge ihrer Beschwerden sein, zumal die meisten Patienten unter einem hohen Leidensdruck stehen. Bestimmt wird die Angst vor Krankheiten aus der vergifteten Umwelt von etlichen populären Öko-Test-Medien, Zeitschriften und Fernsehsendungen geschürt. So äußerten die meisten Patienten der Erlanger Umweltambulanz die Befürchtung, mit Quecksilber aus Amalgam belastet zu sein. Die anderen vermuteten Holzschutzmittel, Lösungsmittel, zum geringeren Anteil andere Schadstoffe oder auch Elektrosmog. Jedoch fanden sich bei Blut- und Urinuntersuchungen dieser Patienten keine höheren Konzentrationen an Schadstoffen als in der Gesamtbevölkerung.

Allerdings ist damit der Verdacht einer Erkrankung aus belasteter Umwelt, insbesondere des Syndroms der multiplen chemischen Sensitivität, noch nicht vollständig widerlegt. Denn es bleibt noch die mögliche individuelle Überempfindlichkeit aufgrund genetischer Disposition oder der unglücklichen Summation verschiedener Noxen in jeweils kleiner Konzentration. Dazu könnten noch ungünstige Ernährungsgewohnheiten sowie Mangel an Schutz- und Ernährungsstoffen oder auch die Verstärkung der Noxen durch Zigarettenrauchen oder Alkoholmißbrauch kommen. Merkwürdigerweise sind die meisten Patienten, die ihre Erkrankung auf Umweltbelastungen zurückführen, selber kaum bereit, auf weitere umweltbelastende Aktivitäten, z.B. unnötiges Autofahren, zuverzichten.

Die möglichen Auswirkungen von oxidativem Streß aus Umweltbelastungen sind inzwischen mittels der Bestimmungen des plasmatischen Redoxpotentials und/oder der Malondialdehydkonzentration individuell meßbar. Allerdings sind diese Messungen noch nicht sehr üblich und validiert. Auch eventuelle immunsuppressive Auswirkungen und Mangelzustände an Schutzstoff en (durch Mehrverbrauch) können prinzipiell - aber mit hohem Kostenaufwand - gemessen werden. Immerhin ist so ein Weg zur rational fundierten Diagnose und Therapie möglich, wenn auch noch viele Fragen (z. B. zu den Meßkompartimenten und Bewertungen) offenbleiben.

Die individuelle Therapie erfolgt dann mittels Ausgleich der festgestellten Defizite (z. B. an Methionin, Glutathion, Folsäure, Vitamin B12, Zink, Niacin, Selen, eventuell Kupfer, Calcium oder Magnesium).

Besondere Schutzwirkungen entfalten sekundäre Pflanzenstoffe, vor allem die Flavonoide, die Indole (aus den Kohlarten), die schwefelhaltigen Glykoside der Küchenzwiebel, der Brunnenkresse und vor allem des Knoblauchs. Damit stehen uns bei kenntnisreicher Nutzung des Pflanzenbereichs mittels vollwertiger Ernährung bzw. hochwertiger Pflanzenpräparate gute Schutzwirkungen, trotz belasteter Umwelt offen. Diese Möglichkeiten dürfen wir uns nicht verbauen oder verbieten lassen.

Über diese individuellen Schutzmaßnahmen hinaus ist die Erhaltung einer möglichst unbelasteten Umwelt lebenswichtig, vor allem für künftige Generationen. Angesichts des Geld-, Konsum- und Autofahrfetischismus in unserer Gesellschaft bin ich da eher skeptisch. Letztlich wird eine Gesellschaft, die andere Lebewesen egoistisch und skrupellos beschädigt, auch keinen Anspruch auf Hilfe bei eigener Bedrängnis mehr erhoffen dürfen.

Man hat allen Grund, dem Intellekt gegenüber auf der Hut zu sein, denn nichts hat die Menschheit so heillos irregeführt wie er. Es gilt dies auch dort, wo die Gesundheit in Frage kommt, auf dem Gebiet der Medizin. Die Heilkunst kann nicht mit dem Verstand erlernt werden. Der Verstand, als Produkt des Intellekts, setzt das Lehrbuch an die Stelle des kranken Menschen, die Lehre von der Ernährung an die Stelle der Ernährung und sich selbst an die Stelle des Geistes.

Alle Wissenschaft ist ein Versuch, das Wesen der belebten und unbelebten Weit zu erkennen, aber das Wesen ist ja vor der wissenschaftlichen Erkenntnis; es steht immer über ihr.

Dr. med. Max Bircher-Benner

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