Freie Radikale im Zentrum der Krankheitsentstehung: eine neue Theorie zur Erhaltung von Gesundheit

Dr. med. Klaus Mohr


"Das Leben ist ein zeitweiliger Sieg über die Ursachen, die zum Tode führen".

Sylvester Graham

 

Alle Lebewesen, die Sauerstoff atmen, müssen sich in ihrem Stoffwechsel zwangsläufig mit der Bildung von Radikalen auseinandersetzen. Freie Radikale sind instabile Reaktionsprodukte aus der Zellatmung, die freie Elektronen (elektrisch geladene Sauerstoffmoleküle) tragen. Sie reagieren blitzschnell mit Fetten und Eiweiß.

Dabei können Zellmembranen und Erbsubstanzen (DNA) zerstört werden. Der Organismus nutzt die freien Radikalen in begrenztem Maß zur Abwehr von Mikroorganismen und zum Abbau von Fremdsubstanzen.

Andererseits werden alle Zellschädigungen im Organismus primär von Radikalen ausgelöst.

Chemikalien, Herbizide, Pestizide, Arzneimittel, Alkohol, Industrie- oder Verkehrssmog, ultraviolette oder radioaktive Strahlen und sogar Entzündungen: ausgelöst von Bakterien, Viren oder Pilzen, wirken letztlich durch Induktion von freien Radikalen zellschädigend.

So lassen sich viele organische Krankheiten in erstaunlicher Bandbreite und ebenso die Alterungsvorgänge im Organismus auf die Einwirkung von freien Radikalen zurückführen. Die Entstehung chronischer Krankheiten mit den Lebensjahren wird von der zeitlangen Summation des Radikalenhagels bewirkt - ebenso wie die Alterung des Körpers selber. Tumorkrankheiten, Arteriosklerosen, Abnützungen und Immunabweichungen sind allesamt letztlich auf die Einwirkung von freien Radikalen zurückzuführen.

Damit verfügen wir über eine neue umfassende Theorie der körperlichen Alterung samt der damit verbundenen Krankheitsentstehung: als Folge des lebenszeitlichen Radikalenhagels, der von Geburt an auf den atmenden Organismus einwirkt.

Jede Infektion, jede Chemikalien und Fremdstoffbelastung, vor allem mit aggressiven Substanzen, führt demnach zu winzigen Korrosionen der Körperbausteine und der Erbmaterialien. Unser Körper altert und zerfällt damit, ähnlich, wie eine Kathedrale aus Sandstein von aggressiven, säurebildenden Automobil- und Industrieabgasen zerfressen wird.

So greifen die Produkte der menschengemachten Zivilisation nicht nur die Kathedralen, sondern auch Körper (und Geist) der Menschen selber an. Die Menschen siechen und sterben vor ihrem eigentlichen biologischen Ende.

Das müßte nicht ganz so sein. Denn die atmenden Lebewesen sind von der Schöpfung mit der Fähigkeit zur Inaktivierung von Sauerstoff-Radikalen ausgestattet worden. Körpereigene Enzyme wie Dismutasen, Peroxidasen und Cytochromoxidasen können die überschüssigen Radikalen fangen - und vor allem die gefürchteten Kettenreaktionen der radikalinduzierten Schädigungen verhindern.

Allerdings besteht in der Aktivität dieser Entgiftungsenzyme eine außerordentlich große Bandbreite von Mensch zu Mensch. So ist verständlich, daß einige Menschen weitaus früher altern, bzw. früher von degenerativen Krankheiten betroffen werden als andere.

Auch die unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber Schadstoffen aus der belasteten Umwelt, aber auch für Alkohol oder Arzneimittel, ist durch die individuelle unterschiedliche Ausstattung mit radikalenfangenden Enzymen erklärbar. Was der eine problemlos vertragen kann, macht den anderen krank - oder bringt ihn sogar vorzeitig zu Tode.

Diese Ausstattung ist zum einen genetisch vorgegeben. Wir alle kennen Familien, deren Angehörige früh altem und krank werden.

Andererseits kennen wir aber auch Familien, deren Mitglieder auch bei erheblichen Belastungen lange gesund bleiben und so gesund alt werden. Das geht nicht nur den Menschen so: Forscher von der Southem Methodist University in Dallas (USA) konnten Obstfliegen züchten, deren Aktivität an den Enzymen Superoxid-Dismutase und Katalase um 50 % höher lag als die entsprechende Enzymaktivität gewöhnlicher Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster).

Die Obstfliegen sind bei den Forschern als Untersuchungsobjekte besonders beliebt, weil ihre Generationszeit sehr kurz ist.

Das Ergebnis dieser Untersuchungen: Die Lebensdauer der Obstfliegen mit der höheren Aktivität der genannten, radikalenfangenden Enzyme war um etwa ein Drittel höher als die Lebensdauer der "durchschnittlichen" Obstfliegen. Würde man diese Untersuchungsergebnisse auf die Menschen übertragen, von denen die Bibel sagt:

Das Leben ... währet 60 Jahre, und wenn es hochkommt sind es 70 Jahre, dann würde sich eine statistische Lebensverlängerung auf 80 bzw. 93 Jahre ergeben.

Selbstverständlich ist eine derartige statistische Übertragung von Obstfliegen auf den Menschen nicht ohne weiteres zulässig, zumal der Organismus der Menschen weitaus komplizierter ist, als der Organismus der Obstfliegen.

Mit aller interpretatorischen Vorsicht würde man jedoch bei dem weitaus komplizierteren Stoffwechsel der Menschen sogar noch eine deutlichere Ausprägung von besserer radikalenfangender Enzymaktivität erwarten.

Die Untersucher der Obstfliegen-Enzym-Aktivität haben jedenfalls zunächst einmal festgestellt: "Jetzt haben wir die Gewißheit, daß die sogenannte 'Freie-Radikalen-Hypothese' des Alterns gültig ist."

Von der Theorie zur Praxis

  • Freie Radikale sind instabile, hochreaktionsfähige Produkte der Zellatmung (elektrisch geladene Sauerstoffmoleküle). Sie werden in Maßen vom Organismus genutzt für die Abwehr von Mikroorganismen und den Abbau von Fremdstoffen.
  • Alle atmenden Lebewesen bilden unvermeidlich freie Radikale. Die Organismen haben Entgiftungsenzyme zur Inaktivierung von Radikalen ("Radikalenfänger") mitbekommen. Die Ausstattung mit diesen Entgiftungsenzymen weist - genetisch bedingt - von Mensch zu Mensch eine außerordentliche Schwankungsbreite auf. Das erklärt unterschiedliche Empfindlichkeit und vorzeitige Alterungsvorgänge.
  • Die zivilisatorische Lebensweise mit ihrer Belastung durch Fremdstoffe (Chemikalien, Alkohol, Tabakrauch, Arzneimittel) läßt die Radikalenbelastung steigen.
  • Überschüssige freie Radikale greifen die Zellbausteine, insbesonders die Membranen und die Erbsubstanzen an und zerstören sie. Die körperliche Alterung und eine Vielzahl von degenerativen Erkrankungen (Arteriosklerosen, Infarkte, rheumatische Krankheiten, Tumorkrankheiten, Degenerationen) können mittelbar auf die Einwirkung von freien Radikalen zurückgeführt werden.
  • Eine Einwirkung von freien Radikalen ist an den meisten Zellschädigungen und damit an den meisten Krankheiten beteiligt. Alle die äußeren Einwirkungen auf die Körperzellen: Chemikalien, Auto- und Industrieabgase, Schwermetalle, Alkohol, Arzneimittel, radioaktive und ultraviolette Strahlen, Fremdstoffe, Bakterien, Pilze und Viren wirken letztlich zellschädigend mittels Radikaleninduktion. Daher stehen die freien Radikalen im Zentrum der Krankheitsentstehung.
  • Die vermehrte Ausstattung mit Radikalenfängern kann die gesunde Lebensspanne wesentlich verlängern. Bis zu diesem Kenntnisstand waren wir in der vorigen Ausgabe der Reform-Rundschau gemeinsam gekommen.

Damit können Sie über eine faszinierende, umfassende Theorie zur körperlichen Alterung und zur Entstehung der häufigsten Krankheiten verfügen. Die richtigen Konsequenzen aus dieser Theorie dürften Ihnen wichtig sein:

  • zur möglichen Vermeidung vieler Krankheiten und
  • zur möglichen Verlängerung der gesunden Lebensspanne.

Etliche Maßnahmen der seriösen Naturheilkunde werden Ihnen in neuem Licht erscheinen, wenn Sie dazu noch wissen, daß sehr viele Wirkstoffe aus Heilpflanzen antioxidativ wirken: das heißt als Radikalenfänger. Nach meiner Auffassung stellt die Kenntnis, die Theorie und - darauf aufbauend - die systematische Eindämmung der Radikalenaktivität eine grundlegende, lebensfreundlich konstruktive Revolution in der Medizin dar. Dies vor allem in der präventiven Medizin.

Ein Konzept zur Eindämmung der überschießenden Radikalenwirkung ist notwendig, weil:

  • die Radikalenbildung, bzw. die Radikalenbelastung mit der zivilisierten Lebensweise zunimmt (Fremdstoff- und Schwermetallbelastung, Smog, Strahlung),
  • die Denaturierung der Nahrung (weite Transportwege, industrielle Aufbereitung, evtl. Bestrahlung) die Zufuhr an natürlichen Antioxidantien vermindert und außerdem die Radikalbildung schon in den Nahrungsmitteln induziert.

Allerdings hat die offizielle Medizin bisher die Radikalentheorie anscheinend noch wenig zur Kenntnis genommen - und die konkreten Lösungsansätze vorläufig eher noch in Frage gestellt. Daher sind Sie hier noch auf Eigeninitiative angewiesen, aber bitte nur mit geprüften Mitteln in sicherer Dosierung. Faszinierend erscheint für mich persönlich das großzügige Angebot an Radikalenfängern (Scavenger-Molekülen) der Natur. Eine Vielzahl von Naturstoffen, darunter wichtige Vitamine, wirkt bremsend auf freie Radikale.

Die enge Symbiose zwischen Mensch und Pflanzenreich findet in dem Wirken pflanzlicher Radikalenfänger eine weitere überzeugende Bestätigung.

Vor allem die Flavonoide, Catechine und Anthocyane, die weitverbreitet in Blüten, Früchten und Blättern vorkommen, wirken als Antioxidantien besänftigend auf Sauerstoffradikale.

Altbewährte Heilpflanzen enthalten reichlich Flavonoide: Weißdorn, Ginkgoblätter, Holunder- und Schlehenblüten, Wollblumenblüten, Mariendistelfrüchte, daneben die Blätter des "schwarzen" Tees (vor allem des unfermentierten grünen Tees) und viele andere.

Die gesuchte, schützende Wirkung dieser Heilpflanzen gegen Arteriosklerose, Durchblutungsstörungen, Hirnleistungsstörungen aber auch bei Erkältungskrankheiten (Holunder, Schlehe, Wollblume) erscheint bei Kenntnis der Radikalentheorie in ganz neuem Licht, ebenso die Wirksamkeit der Mariendistelfrüchte bei Lebererkrankungen.

Ein umstrittenes (seitens der offiziellen Medizin) Spurenelement, nämlich das Selen, erfährt seine volle Würdigung ebenfalls erst aus dem Wissen um die mögliche Radikaleninaktivierung: Denn das Selen ist notwendiger Bestandteil der körpereigenen Glutathionperoxidase, eines wichtigen Radikalenfängers (Scavenger-Enzyms).

Damit wird verständlich, warum Herz- und Turnorerkrankungen in Selenmangelregionen so häufig auftreten.

Auch geläufige Vitamine, hier die Vitamine C, E und Provitam A gewinnen im Licht der Radikalentheorie eine, ganz neue, weitere Bedeutung. Denn diese Vitamine wirken in höherer Dosierung weit über die Verhinderung von Mangelzuständen hinaus als Antioxidantien, d.h. gegen die Schäden durch freie Sauerstoffradikale. Allerdings sind dafür Konzentrationen erforderlich, die mit den üblichen, von den Fachgesellschaften festgelegten Zufuhrmengen gegen altbekannte Mangelzustände nicht immer erreicht werden können.

Für eine optimal radikalenfangende Wirkung müßten - zusätzlich zur vollwertigen Nahrung - diese Vitamine in ergänzender Dosierung zugeführt werden.

Freie Radikale im Zentrum der Krankheitsentstehung

Der zweifache Nobelpreisträger Prof. Linus Pauling demonstriert dies mit einer täglichen Zufuhr von 18 g Vitamin C auch im ständigen Selbstversuch. Prof. Pauling ist inzwischen 93 Jahre alt, vital.

Allerdings ist seine Auffassung, ebenso wie sein Selbstversuch, wissenschaftlich umstritten.

Offiziell umstritten ist auch die Anwendung von Vitamin E in Prophylaxe und Therapie. Jedoch liegt dazu eine Fülle von Einzelbefunden vor, über die in der nächsten Ausgabe der Reform-Rundschau berichtet werden soll. Sicherlich kann eine isolierte Vitamingabe keinen Ersatz für eine gesunde Lebensweise mit vollwertiger Nahrung bieten. Andererseits würde ich persönlich es für einen Fehler halten, auf eine kenntnisreich ausgewogene Vitaminergänzung - verbunden mit gesunder Lebensführung und vollwertiger vegetabiler Nahrung - zu verzichten.

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