Psychoneuroimmunologie - Neue
Einsichten zum Wirken der Selbstheilungskräfte
Dr. med. Klaus Mohr
Das Wirken der Selbstheilungskräfte,
deren Förderung und Lenkung bildet die Grundlage aller seriösen
naturheilkundlichen Theorie und Praxis.
Damit steht die Naturheilkunde in einer Art Opposition zur
eingreifenden technikorientierten Medizin.
Die moderne Medizin mißtraut den Seibstheilungskräften. Denn mit
ihrem "geheiligten" Bewertungsmaßstab, dem
Doppelblindversuch, sollen die Eigenkräfte des Organismus
systematisch (statistisch) eliminiert werden: als unerwünschte Störfaktoren
bei der Bewertung des äußeren medizinischen Eingreifens. Man möchte
damit die Wirkungen des eigenen Eingreifens in die Krankheits- und
Heilungsabläufe wissenschaftlich korrekt, d.h. ohne Störung durch
subjektive und natürliche Heilungsvorgänge, objektiv, eindeutig
darstellen.
Die eindrucksvollen Erfolge der modernen Medizin, vor allem bei
akuten, schweren Krankheiten, haben zu einer gewissen Herabsetzung der
Naturheilverfahren und damit der Selbstheilungskräfte geführt.
Die Naturheilkunde schien dadurch einige Jahrzehnte lang ins
Hintertreffen zu kommen.
Inzwischen ist allerdings die eingreifende Medizin selber in eine
zweiseitige Krise geraten:
Einerseits in die subjektive Krise widerwilliger Akzeptanz bei
vielen Patienten. Andererseits in die höchst objektive, nämlich ökonomische
Krise der zunehmenden Kosten, genauer: der drohenden Unbezahlbarkeit.
Die Expansion der eingreifenden Medizin scheint selbst für unsere
materielle, reiche Gesellschaft nicht mehr bezahlbar - das heißt
doch: untragbarzu sein. Was nützt aber die angeblich beste materielle
Medizin, wenn sie sogar von einer materiell überreichen Gesellschaft
nicht mehr bezahlt werden kann? Zumal der materielle Reichtum dieser
Gesellschaft ohnehin nicht verdient wurde, sondern aus rücksichtsloser
Ausbeutung der Ökosysteme und zu Hypotheken auf künftige
Generationen gepreßt wird?
Die Krise der modernen Medizin sitzt ebenso tief wie die Krise der
modernen Gesellschaft: sie hat ihre Grundlagen vergessen.
Die Grundlage der modernen Gesellschaft war einmal humane Kultur.
Die Grundlage der modernen Medizin war einmal die Naturheilkunde. Längst
vergessen - oder vernachlässigt unwirklich geworden?
In der gegenwärtigen Menschheitskrise - die mehr noch als Tanz am
Abgrund erscheint - wird die Besinnung auf die natürlichen
Selbstheilungskräfte wieder sehr wichtig - in Medizin und
Gesellschaft.
Soll die Förderung der Selbstheilungskräfte jetzt empfohlen
werden, weil das Geld für die synthetische Medizin nicht mehr reicht?
Das wäre krämerhaft töricht. Selber habe ich schon für die
Selbstheilungskräfte gearbeitet (und mit ihnen), als die offizielle,
technikorientierte Medizin noch dominierend und materiell unangreifbar
erschien. Aus dieser Erfahrung heraus sehe ich die heutigen Kosten -
samt Orientierungskrise als logische Folge der jahrzehntelangen
Entfremdung von Natur- und Selbstheilungsgrundlagen.
Die Förderung der Selbstheilungskräfte ist allein deshalb zu
empfehlen, weil sie unverzichtbar wichtig sind, weitaus relevanter als
alles Kostengezänk und politische Verordnungen (und übrigens viel
billiger).
Jahrzehntelang wurden die natürlichen Selbstheiungskräfte mißachtet
und beschädigt: mit den offensichtlichen Folgen.
Inzwischen hat eine neu orientierte Forschungsrichtung, die
Psychoneuroimmunologie, mit analytischen Methoden altes Heilwissen
bestätigt.
Die unersetzliche Bedeutung des eigenen Immunsystems wurde spätestens
mit der AIDS-Problematik überdeutlich: die Zerstörung
immunkompetenter Lymphzellen durch die HI-Virus-Infektion kann durch,
die potentiellen Antibiotika und Chemotherapien nicht ersetzt werden.
Die Kranken versterben schließlich an Tumoren oder Infektionen. Für
das eigene Immunsystem, für die Selbstheilungskraft gibt es keinen äquivalenten
äußeren Ersatz, nichts Besseres. Allerdings haben auch die
Selbstheilungskräfte ihre natürlichen Grenzen. Da können
synthetische Mittel durchaus ihre Berechtigung finden und ebenfalls
ihre, Grenzen, wenn die Selbstheilungskräfte aus dem Immunsystern
nicht dazukommen. Mißbrauch von Antibiotika (bei banalen Infekten)
schwächt die Immunfunktionen aus Mangel an Training.
Tatsächlich sind die Immunfunktionen der Menschen, die in einer
technik- und chemiegeprägten Umwelt leben müssen, nicht optimal:
Unterfunktionen des Immunsystems (Anfälligkeit für Infektionen und
Tumorkrankheiten) finden sich ebenso wie Überfunktionen (Allergien
und Autoimmunkrankheiten). Die Orientierung des Immunsystems scheint
gestört.
Die Psychoneuro-Immunologie lehrt uns dazu, daß Immunstörungen
nicht allein auf der körperlichen Ebene entstehen: Das Immunsystern
wird auch vom Empfinden, Fühlen und Denken beeinflußt, fördernd
oder hemmend. So schwächen Depressionen, Versagungsängste oder auch
Einsamkeit das Immunsystem. Dagegen werden die Immunfunktionen von
Lebensfreude, Gelassenheit, Fröhlichkeit und Liebe gefördert.
Weiterhin scheint einseitiger (übermäßig selbstbezogener) Egoismus
zu Überreaktionen, zu Autoimmunreaktionen zu führen, die schließlich
das Immunsystem erschöpfen.
Die Verknüpfung von so subjektiven, emotionalen Qualitäten wie Fröhlichkeit
und Liebe oder Egoität und Neid mit körperlichen objektivierbaren
Funktionen stößt beinharte, etablierte Materialisten verständlicherweise
ebenso ab, wie etwa das Weihwasser den Teufel.
Tatsächlich ist die Verknüpfung von Empfinden und Denken mit dem
Immunsystem nüchterne körperliche Realität. Wir sollten mehr Wissen
darüber gewinnen, um es sinnvoll, lebensorientiert zu nutzen.
Die Psychoneuroimmunologie als neue Forschungsrichtung zeigt mit
analytischen Methoden Verknüpfungen des Gehirns mit dem Immunsystem.
Damit sind die seit langem intensiv vermuteten und erfahrenen
Beziehungen zwischen Seelenleben und Selbstheilungskräften
wissenschaftlich sozusagen hoffähig geworden.
Die alte naturheilkundliche Lehre von der Selbstheilungskraft des
Organismus (wesentlich vermittelt vom Immunsystem) findet damit eine
neuzeitliche Bestätigung und Erweiterung. Die Fähigkeit zur
Selbstheilung und mehr noch die Gesunderhaltung erfordert ein aktives
Immunsystem.
Wenn die Immunfunktionen geschwächt sind, können Tumor- und
Infektionskrankheiten entstehen. Andererseits führen Überreaktionen
des Immunsystems zu Autoimmunleiden (das Immunsystem greift das
Selbst, den eigenen Organismus an). Zu den Autoimmunkrankheiten gehören
die Allergien, entzündlichen Nervenerkrankungen (multiple Sklerose)
und Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerora), die meisten
Rheumaformen und sektoriell auch die Arteriosklerose. Das Immunsystem
kann also gesundheitserhaltend heilend, aber auch selber krankmachend
wirken (in Form der Autoimmunkrankheiten).
Um den richtigen Weg, die Mitte zwischen zuwenig und zuviel
Reaktion - also Gesundheit - zu finden, braucht das Immunsystem
Regulation bzw. Moderation. Ein Teil der Regulation erfolgt auf der
Ebene des Immunsystems selber, etwa im Gleichgewicht von Helfer- und
Suppressorzellen (T4- bzw. T8-Lymphozyten). Diese aktivierenden bzw. dämpfenden
Zellsysteme sind vielfältig mit anderen Zellreihen (z.B. Makrophagen,
B-Zellen und Killerzellen) vernetzt. Der Informationsaustausch
zwischen diesen Zell-Linien erfolgt mittels Interleukinen (Zytokinen)
als Botenstoffen. Diese Botenstoffe sind Eiweiße (Peptide), die vom Körper,
von den immunologisch aktiven Zellen selber gebildet werden. Die
Zytokine (Botenstoffe) bilden sozusagen Wörter (mit Ausrufezeichen),
mit denen sich die immunkompetenten Zellen verständigen: "greif
zu!", "faß", "nimm", aber auch "laß
los!", "bleib unbeteiligt". Also Befehle.
Die Worte, bzw. die Befehle, im Immunsystem sind zunächst
isoliert, unmittelbar funktionsorientiert. Übergeordneten Sinn ergibt
erst die Verknüpfung der Worte zu einer Sprache. Erst die Sprache,
nicht das Wort macht Sinn. Die Sprache ist eine mehr oder weniger
sinnvolle Verknüpfung von Worten - zu Sätzen. Die Sprachentwicklung
ist am Sinn orientiert und bedarf der Worte.
Analog ist die Regulation des Immunsystems vorstellbar, durch die
Verknüpfung von Zellworten zu Sätzen, zu ganzkörperlichem bzw.
ganzheitlichem Sinn. Die Verknüpfung von Zellfunktionen zu ganzkörperlich
integrierten Reaktionen erfolgt durch Pläne aus dem Gehirn, vor allem
aus dem Hypothalamus. Auf den Hypothalamus wirken die gefühlsbestimmten
Impulse aus dem limbischen System ein. Das limbische System ist das
Zentrum für Emotionen: Freude, Lust, Unzufriedenheit, Angst, Wut usw.
Auch die Informationen im Zentralnervensystem werden durch
Botenstoffe übertragen: durch die sogenannten Neurotransmitter, wie
Adrenalin, Noradrenalin, Serotonin, Gammaaminobuttersäure. Die
Neurotransmitter sind gewissermaßen die Worte von Nervenzellen. Aus
der Sequenz dieser Botenstoffe werden "Sätze" geformt:
Verhaltensmuster.
Erstaunlicherweise können die Botenstoffe des Gehirns auch
Informationen in das Immunsystem bringen: Das Immunsystem besitzt
Rezeptoren für die Neurotransmitter (vergleichbar Ohren für die
Botschaften). Umgekehrt kann das Gehirn auch die Botschaften der
Zytokine aus dem Immunsystem hören. Zentralnervensystem und
Immunsystem sind wechselseitig vielfach miteinander vernetzt. Auch die
Intensität der Botschaften kann modifiziert werden: das Ohr gedämpft
oder verschärft werden, als "down-modulation" oder "up-regulation".
Biologische Amplifier wirken da regulierend.
Noch sind die praktischen Möglichkeiten zur gesunden Förderung
dieser faszinierenden Netzwerke wenig erschlossen, auch wegen der äußerst
vielfältigen Wechselwirkungen. Also nur schöne Theorie all das?
Keineswegs.
Schon das Wissen um die vernetzten Regelkreise zwischen Gehirn und
Immunsystem bzw. zwischen Denken, Fühlen und Selbstheilung schafft
nicht nur ein erweitertes Wissen um die Selbstheilungskräfte, sondern
auch ein anderes (Selbst-)Bewußtsein. Dieses Wissen warnt nun
einerseits vor ständigen, einseitigen, massiven Eingriffen in die
vernetzten Regelkreise unseres Organismus. Andererseits bestätigt
dieses Wissen die Vorzüge von Naturheilverfahren, die mit körpervertrauten
Mitteln körpervertraute Regelkreise ansprechen und die außerdem
emotional gut akzeptiert werden können. (Es ist sehr bedauerlich, daß
dieses biologisch-medizinische Wissen in der Politik so wenig bekannt
zu sein scheint).
Konkrete Anwendung können die psychoneuroimmunologischen
Grundlagenkenntnisse mittels des Streßkonzeptes von Selye, bzw. des
Internal-Loop-Modells von Reiser finden.
Das Streßkonzept besagt, daß jedes Ungewohnte, also jeder Streß,
ob angenehm oder unangenehm, im Organismus zunächst eine kurzfristige
Alarmreaktion auslöst.
Mit dieser Belastung versucht der Organismus fertig zu werden,
indem er
1. der Situation eine Bedeutung zuerkennt und
2. Handlungsabläufe (Programme) abruft.
In der (kurzfristigen) Alarmreaktion werden die Immunfunktionen
ganz überwiegend gedämpft (u.a. durch Adrenalineinfluß). Im Alarm,
durch die Belastung, können - abhängig von individuellen,
veranlagungsbedingten Reaktionsmustern und den Umweltbedingungen -
zwei unterschiedliche Verhaltensweisen ausgelöst werden: entweder die
Flucht-Kampf-Reaktion (sympathikus- bzw. angstgeprägt) oder
die Rückzugs-Erhaltungs-Reaktion (parasympathikus- bzw.
depressionsgeprägt).
In der Adaptionsphase sollten diese einseitigen Reaktionen
ausgeglichen bzw. kompensiert werden.
Wenn der Ausgleich nicht gelingt, kommt es zur vegetativen
Dauerspannung mit möglichen Folgeerkrankungen: Bluthochdruck,
Herzangstsyndrom, Migräne, Neurodermitis, bei einseitig
sympathikotoner Reaktion bzw. Magen-Zwölffingerdarmgeschwüren,
Asthma, Allergien bei parasympathikotoner Reaktion. Immunstörungen können
bei jeder Einseitigkeit auftreten, bei sympathikotoner Reaktion eher
Abwehrschwäche bei Autoimmunstörungen.
Im Krankheitsverlauf kommt es mitunter zum Pendeln zwischen
einseitigen Reaktionen (Angst und Depressionen, bzw. Flucht/Kampf und
Rückzug/ Erhaltung). Hier lohnt sich die diagnostische Suche nach dem
Ursprungsmuster für die richtige Grundtherapie. Der Ausgleich gelingt
primär dann nicht, wenn Abwehr (neurotisches Muster) oder Fehlen von
Erkennungsprogrammen (Alexithymie) vorliegt. Dann kann die Bewältigung
(Adaption) nicht gelingen, kann Krankheit resultieren.
Wenn die Bewältigung nicht gelingt, geht Adaption in die Erschöpfungsphase
über, mit den oben genannten Fehl-Adaptionskrankheiten. Gleichzeitig
werden krankhafte, alte Verhaltensmuster wie Angst, Vermeidung,
Depression, Rückzug oder Zwangshandlungen reaktiviert bzw. verstärkt.
Ein krankmachender Teufelskreis nimmt seinen Lauf, da die gestörten
Heilungskräfte aus dem Immunsystem destabilisierend aus dem Körper
auf das Fühlen und Denken zurückwirken.
Es drängt, den Teufeiskreis von krankhafter Verknotung mit einem
scharfen Schnitt zu lösen, wie Alexander den gordischen Knoten.
Dieser Schnitt kann, wenn noch genügend gesunde Ich-Stärke
vorhanden ist, aus dem Bewußtsein geführt werden: durch grundlegende
Neuorientierung (an der Natur).
Diese Stärke ist aber durchaus nicht immer gegeben. Dann hilft die
geduldige Politik der kleinen Schritte:
1. Bewußtmachung der eigenen Reaktionsmuster (s.o.)
2. Entwicklung neuer komplementärer (detaillierter) Programme zur
Bewältigung, zumindest Veränderung von Belastungen. Hierfür ist
gegebenenfalls therapeutische Hilfe erforderlich. Bewußt Abschied
nehmen von krankmachenden Mustern.
3. Über den Körper:
wohldosierte, kleinere (Je nach Erschöpfungsgrad) natürliche
Reize:
Atemtherapie, Bewegungstherapie, Licht, Luft, Wärme, Kälte,
Rohkosttherapie, Vitamintherapie, ausleitende Therapie (Heißwasser
trinken) Mineralstoffpräparate, u.a. Magnesium, Calcium, Zink,
Symbioselenkung (wichtig!), Therapie mit Heilpflanzen,
Bitterstofftees: Tausendgüldenkraut, Artischockensaft,
immunmodulierende Pflanzen: Echinacea-Saft, Eleutherokokkuspräparate,
Johanniskraut zur neurovegetativen Regulation, Ginseng als wichtigsten
Adaptogen.
Damit werden die wichtigsten Grundlagen für die Heilung gelegt.
Die Erkenntnisse der Neuroimmunologie zeigen die engen Beziehungen
zwischen ZentraInervensystern und Immunsystem, zwischen Fühlen/
Denken und Heilungskräften. Diese Beziehungen können krankmachend
oder krankheitsverstärkend, aber auch heilend wirken.
Zivilisatorische Einflüsse wirken in der Regel (verständlicherweise)
ungünstig auf die ursprünglichen, natürlichen Regulationssysteme
des Körpers.
Es liegt an jedem von uns selbst, die lebensrichtige Orientierung
zu prägen und zu fördern.
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